Dienstag, 30. Oktober 2007
Märchen der Schönheit
Mein Spieglein, mein Spieglein, dort an der Wand!
Ich stehe still vor dir und mustere mich:
so jung und so schlank, so unwiderstehlich!
Sag, bin ich der Schönste im ganzen Land?
Die große, kräftige Hand fährt entspannt
über mein Kinn, die Augen glänzen glücklich.
Sprich, lieber Spiegel, sprich - beeindruckt das dich?
Ich fixiere all die Schönheit gebannt.
Doch schon in Jahren werden Nachfahren
von mir sich in dir, bester Spiegel, sehen.
Die Schönheit an mir wird eilig vergehen.
Der Versuch, sie auf Dauer zu wahren
ist kläglich; vergänglich ist alles, was lebt.
Wirklich schön wird nur, wer auch im Geist sich regt.
Mittwoch, 24. Oktober 2007
Null Uhr zwei
Es ist null Uhr zwei.
Ein Tag ging vorbei.
War eben noch hier -
liegt jetzt hinter mir.
Es ist null Uhr drei.
Mein Kopf voll von Blei.
Minute verstreicht -
Lebenszeit weicht!
Es ist null Uhr vier.
Ich denke bei mir:
Schon bald wird es hell -
das geht viel zu schnell!
Montag, 22. Oktober 2007
Herbst hier
Im Grau in Grau des Regens
fällt Trauer auf die Welt.
Die Sonne sucht vergebens
ein Loch im Himmelszelt.
Das Feld besetzt von Raben,
wie Geier kreisen sie.
Ihr Schwarz tilgt alle Farben,
Hoffnung und Phantasie.
Braunes Blatt auf morschem Moos,
trostlos tote Triebe.
Glück löst sich vom Menschen los,
herbstlich welkt die Liebe.
Schneidend kalter Winterwind,
der Herzen blau vereist,
peinigt die, die einsam sind,
verlässt sie still verwaist.
Die Luft reißt ohne Gnade
das kleinste Blatt vom Baum.
Der Schatten löscht gerade
den letzten hellen Traum.
Es bleibt nicht zurück als Staub,
Sehnsucht, Frost, Granit.
Das davon gewehte Laub
nahm alle Freude mit.
Montag, 8. Oktober 2007
Schmetterlinge
Ihre feinen, zarten Flügel
flattern freudig durch die Lüfte.
Majestätisch über Hügel
jagen Lichter, Farben, Düfte.
Schmetterlinge werden sterben!
Warnen Tierschutzfachverbände.
Prophezeien Leid auf Erden,
wenn das schöne Tier verschwände.
Doch ich handle! Denn ich werde,
wie viele Glückbestückten auch,
eine ganze bunte Herde
hier aufnehmen. In meinem Bauch.
Montag, 1. Oktober 2007
Sie (begraben)
Was sollte nicht alles noch aus uns werden!
Ärzte, Kapitäne und Astronauten.
Die Träume sind da - wer kann sie gefährden?
Wie Architekten, die Hochhäuser bauten,
wie Kommissare, die Morde aufklärten,
wie Forscher, die Hochkomplexes durchschauten
wollten wir werden - bis sie sich beschwerten.
Sie, die uns sagten, wir könnten das gar nicht.
Die Aufgeklärten, vom Leben gelehrten.
Sie löschten das Feuer, sie löschten das Licht.
Redeten, bis wir die Träume aufgaben.
Sie nahmen uns die Perspektive, die Sicht.
Die Träume sind fort - sie wurden begraben.