Sonntag, 21. Februar 2010

Der Stadtmensch

Schluck mich, nimm mich, fremde Stadt,
auf in deiner grauen Masse.
Beiß mich, friss dich an mir satt,
präge, drück mich matt und glatt,
dass ich in die Masse passe.

Mittwoch, 10. Februar 2010

Letzte Worte

Auf der Reeperbahn nachts um halb vier
(ob du ein Mädel hast oder ein Bier)
rast ein Krankenwagen herbei,
denn der eine liegt da seit drei.
Sie tragen den Kiezkönig fort.
Ach: Schnaps war sein letztes Wort.

Donnerstag, 5. November 2009

Requiem

Ein ängstlicher Herbst, längst nicht Frühjahr
Der Kuss, der im Sommer präsent war,
klebt rot in den Blättern und fällt gar
auf Stein und souffliert mir ein Drama

Nicht hoffende Hast à la Vormärz
Ich senke mein Lied eine Moll-Terz
Von außen ereilt mich ein Sturschmerz
nun frisst er sich gnadenlos herzwärts

Mittwoch, 30. September 2009

zugzwang

stadt um stadt tragen mich gleise
in stunden welten weg von dir
Wir wünschen angenehme Reise
beklemmung klemmt sich fest in mir

die reserven deiner worte
aufgezehrt bis auf den grund
deine blicke, die ich horte
erinnern mir die seele wund

hilflos sehe ich wie bäume
bäume jagen an der scheibe
bette meinen kopf und träume
dass ich zu dir komm und bleibe

Mittwoch, 29. Juli 2009

Holocaustmahnmal, Berlin

Am Berliner Reichstag mahnen
Quader, wogen schwarz und schwer
Diese glatten, hohen, zahmen
Steine stechen aus dem Teer

Schweigend für die fernen Toten
klagen sie das Gestern an
sie sind eindringliche Boten
gegen kalten Rassenwahn

Auf den Steinen, auf den Quadern
Liebespaare, Freude, Tag
Blut in der Geschichte Adern
Blut, das fließen, wärmen mag

So decken Lachen, Küsse, Licht
diese Stätte leise zu
Uns entgeht die Mahnung nicht
und die Toten finden Ruh’

Freitag, 3. Juli 2009

nach hause kommen

schwarz ziehen zerrissene
fetzen wortlos über unser land
grelles neon betäubt meine
augen und den verstand
der verstand, flüssig, kalt
und das lachen der leute
höhnisch und schrill
ich will nach hause, nach hause
und putze mir das zahnfleisch
blutig

Dienstag, 30. Juni 2009

Es war

Wir haben bei Kerzen und Sternen und Nacht,
klein auf der Wiese, die Knie am Kinn,
groß in den Herzen und uns ein Gewinn,
bewacht durch den Mond diesen Abend verbracht.

Ich habe bei Kerzen und Sternen so sacht
stotternd gedacht, was ich ohne euch bin
und lachte im Traum zu Früherem hin -
als Realität in mein Lach-Leben kracht:

Abschied und Arme und Tränen, die tropfen,
in Schwermut brutal auf die Schultern klopfen.
Zusammenhangslos den Zusammenhang los

ziehen wir in die Welt, gebrochen, verprellt,
mit geschnürten Bündeln und Hälsen gesellt
sich jeder ins Leben, jetzt einsam, jetzt groß.

Sonntag, 14. Juni 2009

Soldat sein

Du rennst im Regen und Schweißperlen rinnen
und klammern sich an die Haare und brennen
und röhrend rauscht dir das Blut in den Ohren
und verklebt deinen Gaumen salzig und fad

Schon hinter und über und neben dir Tod
die schmatzenden Stiefel dumpf donnernd im Schlamm
Du atmest die dickflüssig-dampfende Luft
stürmst stampfend in Freiheit und Stille und spürst -

doch lebenslang Leere und Scherben und Leid

Dienstag, 26. Mai 2009

Da draußen

Dieser Hast-Last aus Eile und Information
dieser oberflächlichen Television
diesem Duschwasser-kalt Koffein-konsumier Zwang
diesem melodiearmen Kassen-Bass Einklang
dieser Online Spiel Spaß und Sex Illusion
und der Kommunikations-selbst-Prostitution
entflieht nur
pure Natur
und Liebe und Stille
und Fühlen -
wenn überhaupt.

Mittwoch, 11. März 2009

koma

erfurt
emsdetten
winnenden
dokumente von ohnmacht
und lieblosigkeit
Hilfeschreie. mit großem echo zwar
und kopfschütteln und unglaube
und erklärungsversuchen
aber am ende?
dann bis in drei jahren